Vorträge

Übersicht über die Vorträge des 6. Weinheimer Symposion „Würde ist tastbar“

Donnerstag

Die Würde des Menschen ist unantastbar! – Und was, wenn nicht? – Menschenwürde und Lebenserzählung in Systemischer Therapie und Beratung

Dr. med. Cornelia Oestereich

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Als ethisches Prinzip ist diese Aussage ein Grundsatz der UN-Menschenrechtserklärung ebenso wie des deutschen Grundgesetzes. Es ist eine Verpflichtung, ein Rechtsgrundsatz, eine Zusicherung, aber keine Garantie. Tatsächlich erfahren wir ständig von Verletzungen der Menschenwürde. Patienten und Klienten ebenso wie Mitmenschen berichten uns als TherapeutInnen und BeraterInnen davon. Wir lesen darüber in der Zeitung, erfahren solche Verstöße aus den Nachrichten. – Wer PatientInnen begegnet, die „man made“ Traumata überlebt haben, hat es in der Regel mit Ereignissen zu tun, die gerade wegen der Verletzung der Menschenwürde durch andere Menschen so traumatisch wirkten. Wie können Systemische TherapeutInnen und BeraterInnen ihre KlientInnen und PatientInnen unterstützen, ihre Würde wiederherzustellen und die traumatischen Ereignisse in die Lebenserzählung zu integrieren.

Psychotherapeutisches Handeln in Spannungsfeld von Autonomie und Beziehung – anthropologische und berufsethische Reflexionen

Prof. Dr. Michael Seidel

Psychotherapeutisches Handeln hat seine Begründung und Veranlassung darin, dass eine Person mit ihren eigenen subjektiven Ressourcen einen krankhaften oder krankheitswertigen Zustand, der sie in ihrer Autonomie beeinträchtigt, nicht selbständig überwinden kann, sondern dafür auf professionelle psychotherapeutische Hilfe angewiesen ist. Dabei begibt sie sich zur Wiedergewinnung ihrer Autonomie in eine therapeutische Beziehung, die ihrerseits von Aspekten der Abhängigkeit gekennzeichnet ist und der auch vielgestaltige Risiken des Missbrauchs innwohnen. Gleichzeitig ist eine tragfähige therapeutischen Beziehung eine Voraussetzung des Erfolgs.

Dieses widersprüchliche und spannungsreiche Verhältnis will der Beitrag aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und dabei herausarbeiten, dass gelingende Beziehungen immer aus einer reflektierten, verantwortlich gestalteten dialektischen Wechselwirkung von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, von Fürsorglichkeit und respektierter Selbstbestimmtheit bestehen. Dabei soll die Vereinseitigung der Autonomie kritisch hinterfragt werden, zumal sie das tief in der jüdisch-christlichen Traditionslinie verwurzelte Bild vom Menschen in seiner Angewiesenheit und Bedürftigkeit vernachlässigt.

Scham – Hüterin der Würde

Dr. Stephan Marks

Zunächst werden grundlegende Informationen über die Scham vorgestellt: Grundformen der Scham und ihre Abwehrmechanismen („Masken“) sowie die Unterscheidung zwischen gesunder und pathologischer Scham. Daraus werden Perspektiven für einen konstruktiven Umgang mit dieser – oft übersehenen – Emotion entwickelt. Abschließend wird die Bedeutung des Themas für den Umgang mit sich selbst, für die Arbeit mit Menschen und den Kontext dieser Arbeit umrissen.

Freitag

In Würde wandeln am Grat der Verletztheit

Kathrin Schmidt

Dass ich gebeten wurde, auf einer Tagung systemischer Therapeuten eines der Hauptreferate zu halten, liegt ebenso nahe wie fern. Nahe, weil ich selbst zehn Jahre lang als Psychologin im kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst (der DDR) gearbeitet habe, und fern, weil ich jene Arbeit gern so weit wie möglich aus meinem jetzigen Beruf, dem einer Schriftstellerin, heraushalten würde. „…würde“? Das ist ja ein Teekesselchen-Wort, jubiliert die buchstabengeleitete Seite meines Wesens und geht sofort einen Schritt weiter: Wenn ich einen Vortrag zum Thema „Würde“ halten soll, würde ich damit beginnen, zunächst dieses Wort auseinander zu nehmen, zu zerlegen, womöglich zwei Buchstaben auszutauschen und es zum Wort „Werte“ geraten zu lassen. Ich setze die Kenntnis meines Romans „Du stirbst nicht“ natürlich keineswegs voraus, würde ihn deshalb auch in einigen Auszügen vorstellen: die Protagonistin erwacht zunächst aus dem Koma, hat einen Defekt, den sie nicht einmal ahnt und demzufolge zunächst auch nicht orten kann. Aus einer Situation völliger Schmerzfreiheit, im seelischen wie im physischen Sinne, in der sie in faktischer Blindheit nach Außensignalen geradezu dürstet und sie in erfahrene Raster einzuordnen bemüht ist, wandelt sie am Grat der Verletztheit nicht etwa in ein neues Leben, sondern in eine Fortsetzung des gelebten. Mit Schmerzen, mit Werten – in Würde.

Polizei und Menschenwürde

Prof. Dr. Joachim Kersten

Avishai Maragalit hat den Ausdruck „anständige Gesellschaft“ (decent society)  geprägt. Er hat dabei die Institutionen in den Blick genommen, in denen die Einhaltung der Menschenwürde in unseren Gesellschaften mitunter problematisch erscheint: Gefängnisse, Psychiatrien, Polizei.

Wie haben sich die deutschen Polizeien mit diesem Thema befasst? Welchen Stellenwert hat die Einhaltung der Menschenwürde in der polizeilichen Ausbildung? Was sind die Aufgaben der Polizei als Institution einer "anständigen Gesellschaft"?

Die Würde des Partners und die Übung der Achtsamkeit

Dr. Hans Jellouschek

Vor allem wenn die erste Verliebtheit vorüber und im Zusammenleben des Paares der Alltag eingekehrt ist, verlieren wir leicht die Achtsamkeit im Umgang miteinander. Dann aber verletzen wir auch, ohne dass es beide oft merken, die Würde des anderen. Was ist Achtsamkeit, worin besteht sie und was heißt – vor allem im Alltag einer schon länger dauernden Beziehung – „Übung der Achtsamkeit“? Der Vortragende hat zu diesem Thema sein letztes Buch geschrieben und wird in dem Vortrag dessen Hauptaussagen erläutern und konkretisieren.

Samstag

Solidarität, Stärke und Würde – Unterstützung für Frauen in Kriegs- und Konfliktregionen

Dr. Monika Hauser

Chancen und Nebenwirkungen eines Richtlinienverfahrens "Systemische Therapie"

Prof. Dr. Jürgen Kriz

Nach der sog. “wissenschaftlichen Anerkennung" durch den WBP  muss sich nun die Systemische Therapie dem sozialrechtlichen Anerkennungsverfahren (durch den “Gemeinsamen Bundesausschuss" G-BA) stellen. Das nun schon 12 Jahre währende Gerangel im Bemühen um Gleichwertigkeit der Systemischen Therapie unter den Richtlinienverfahren ist an sich schon würdelos. Schon vor Beginn dieses Weges und auch währenddessen wurden Fragen laut, ob die Hereinnahme der Systemischen Therapie ins deutsche Medizinsystem mehr Chancen als Nebenwirkungen (z.B. eine starke Medikalisierung des Ansatzes) bietet. Dieser Vortrag wird zu beiden Aspekten einige Argumente und ihre Einschätzung vorstellen.